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Projektbeschreibung

Der seit 2009 von der DFG geförderte Forschungsverbund Nach dem Boom ist ein gemeinsames Projekt des Seminars für Zeitgeschichte der Universität Tübingen und des Fachbereichs Neuere und Neueste Geschichte der Universität Trier. Im Zentrum unseres Interesses steht die Genese der Herausforderungen der Gegenwart in den drei Jahrzehnten nach dem Ende der stabilen, von einem singulären Wirtschaftswachstum gekennzeichneten Nachkriegsordnung. Wir betrachten die Entstehung eines neuen Produktionsregimes, des globalen, digitalen Finanzmarktkapitalismus, der den Fordismus ablöste. Wir gehen von der Annahme aus, dass diese Ablösung in einem kumulativen Strukturbruch mündete und von einem revolutionären Wandel des westeuropäischen "keynesianischen-konsensualen" Gesellschaftsmodells begleitet wurde. An dessen Stelle trat ein neues "neoliberales" Verständnis der Gesellschaft, der politökonomischen Normen und kulturellen Orientierungsmuster, deren Herausbildung in den einzelnen Projekten untersucht wird.

Mit derzeit sechs Kern- und Einzelprojekten wird die Entwicklung seit den 1970er Jahren beleuchtet. Fernando Esposito (Tübingen) betrachtet das Phänomen Punk als Symptom der sich wandelnden politischen Ordnungskategorien, modernen Temporalstrukturen und des Konsums. Tobias Gerstung (Tübingen) nimmt die Transformation der schwerindustriellen schottischen Hafenstadt Glasgow in den Blick sowie die stadtplanerischen Entwürfe ihrer postindustriellen Zukunft. Martin Kindtner (Tübingen) analysiert die Wissenskritik der französischen Poststrukturalisten Foucault, Deleuze und Guattari als Ergebnis einer Metamorphose der Linken und der von ihr ausgehenden Gesellschaftskritik. Hannah Jonas (Tübingen) widmet sich dem britischen und deutschen Vereinsfußball als Spiegel der Brüche, die sich in den Bereichen Medien, Markt und Massenkonsum ereigneten. Sara Kröper (Trier) betrachtet die Auswirkungen von universitären Neugründungen in York und Trier auf die Entwicklung der jeweiligen Städte. Christian Marx (Trier) analysiert anhand ausgewählter Großunternehmen der Chemieindustrie den Prozess der beschleunigten Multinationalisierung und die damit verbundenen Umstrukturierungen westeuropäischer Industrieunternehmen.

Darüber hinaus untersuchen weitere assoziierte Projekte den Zeitraum Nach dem Boom. Wiebke Wiede (Trier) nimmt eine vergleichende Analyse der Arbeitslosigkeit in Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland vor, und Marc Bonaldo Fuolega (Trier) beschäftigt sich mit der Entwicklung mittelständischer Wirtschaftsregionen in Europa am Beispiel Württembergs. In einem sozialgeschichtlichen Kontext beleuchtet Raphael Dorn (Trier) sozialen Auf- und Abstieg als Ergebnis von räumlicher Mobilität, und Arndt Neumann (Trier) erforscht den Wandel der Arbeitswelt und des städtischen Raums am Beispiel der Hafenstadt Hamburg. Das Projekt von Christine Bald (Trier) fragt nach den Motiven und Zielen der Neuen Frauenbewegung sowie ihrer Unterstützung durch etablierte Institutionen in der katholischen Provinz. Die Analyse des Joggings dient Tobias Dietrich (Trier) dazu, nach den konsumtiven Bedingungen des Dauerlaufs als Breitensport und damit einhergehender Veränderungen sozialer und kultureller Leitvorstellungen zu fragen. Ferner untersucht der interdisziplinäre Projektverbund „‘Gute Arbeit‘ nach dem Boom“ die Auswirkungen der veränderten Arbeitswelt auf Vorstellungen von ‚guter Arbeit‘; diese Untersuchung basiert auf umfangreichen Daten und Studien am Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen (SOFI).