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Interdisziplinärer Projektverbund „Gute Arbeit” nach dem Boom

Interdisziplinärer Projektverbund „Gute Arbeit” nach dem Boom. Pilotprojekt zur Längsschnittanalyse arbeitssoziologischer Betriebsfallstudien mit neuen e-Humanities-Werkzeugen (BMBF-gefördert)


Projektleitung: Lutz Raphael, Trier; Wolfgang Nejdl, Hannover; Nicole Mayer-Ahuja, Göttingen/Hamburg

Mitarbeiterinnen Zeitgeschichte, Trier: Wiebke Wiede, Jenny Pleinen, Kerstin Brückweh


Ausgangspunkt des von Soziologen, Informatikern und Historikern bearbeiteten Projekts ist die Veränderung der Arbeitswelt seit dem Ende der prosperierenden Nachkriegsjahrzehnte, das für die Bundesrepublik Deutschland auf den Zeitraum zwischen 1973 (Ölpreisschock) und 1985 (erste Neujustierungen des Arbeitsrechts im Rahmen des Beschäftigungsförderungsgesetzes) datiert werden kann. Im Zentrum steht die Frage, wie sich die neue Konstellation nach dem ökonomischen Boom auf Vorstellungen von „guter Arbeit“ auswirkte. Diese Frage soll auf der Basis umfangreicher Studien, die seit 1968 am Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) erhoben wurden, beantwortet werden. Die Bearbeitung der inhaltlichen Frage des Forschungsverbundes schließt eine methodische Herausforderung ein: Denn die im Rahmen qualitativer Sozialforschung generierten Primärdaten sollen einer Sekundäranalyse, also einer Zweitverwendung z.B. durch Soziologen oder Historiker mit jeweils neuen Fragestellungen, zugänglich gemacht werden. Daraus ergibt sich ein Vorhaben, das einer archäologischen Ausgrabung ähnelt: Man weiß um die Existenz wertvoller Relikte (in Gestalt der SOFI-Studien). Um dieses Material zu bergen (also für Sekundäranalysen zugänglich zu machen), müssen jedoch neue (IT-basierte) Schürfwerkzeuge entwickelt werden. Diese dürfen die Relikte einerseits nicht zerstören (also etwa den in Betriebsfallstudien erfassten Kontext von Arbeitssituationen), müssen sie aber andererseits für sekundäranalytische Fragestellungen in neuem Licht erscheinen lassen. Angestrebt wird daher eine soziologische und geschichtswissenschaftliche Kontextualisierung der Betriebsfallstudien, um damit methodisch neue Wege (zwischen einem rein qualitativ-interpretierenden und einem rein quantitativ-standardisierenden Zugriff auf diese spezifischen Primärdaten) zu beschreiten. Zu diesem Zweck werden im interdisziplinären Arbeitsumfeld IT-Werkzeuge entwickelt.

Teilprojekte:

Soziologie: Soziologisches Forschungsinstitut (SOFI)

IT: Forschungszentrum L3S Hannover

Zeitgeschichte: Universität Trier, Fachbereich Neuere und Neueste Geschichte


Im Kontext des interdisziplinären Projektverbundes werden aus zeitgeschichtlicher Sicht derzeit mehrere Projekte bearbeitet. Erstens stehen inhaltliche Fragestellungen im Mittelpunkt, zweitens geht es um methodische bzw. wissensgeschichtliche Diskussionszusammenhänge und drittens wird der Einsatz der digitalisierten SOFI-Quellen in der Lehre erprobt.


1) Inhaltliche Fragestellungen

2) Methodische bzw. wissensgeschichtliche Fragestellungen

3) Einsatz der digitalisierten SOFI-Quellen in der Lehre/ e-Learning


zu 1) Inhaltliche Fragestellungen


Im zeithistorischen Teilprojekt „Wahrnehmung von Arbeit im Zeichen von Arbeitslosigkeit“ wendet sich Wiebke Wiede den Deutungsmustern von Arbeit und Beruf an den Grenzen ihrer Geltung und gesellschaftlichen Durchsetzungsfähigkeit zu. Die in der Bundesrepublik seit den 1970er Jahren rasch wachsende und persistente Arbeitslosigkeit verbunden mit einer zunehmenden Normalität biographischer Erfahrungen von Erwerbslosigkeit verlief parallel zu gesellschaftlichen Veränderungen in Arbeits- und Berufskonzepten, die in der zeitgenössischen Berufssoziologie diskutiert werden. Der Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und den Veränderungen von Arbeits- und Berufskonzepten steht im Mittelpunkt der Teiluntersuchung.


In einem weiteren Projekt stellt Kerstin Brückweh die thematische Frage in den Vordergrund, wie sich sog. atypische Beschäftigungsverhältnisse (konkret: befristete Arbeitsverhältnisse) auf die Vorstellungen von „guter Arbeit“ auswirkten.


Schließlich untersucht Lutz Raphael, welche generationen- und altersspezifischen Erfahrungen und Erwartungen westdeutsche Facharbeiter in ihren industriellen Beschäftigungsverhältnissen in den letzten drei Jahrzehnten „nach dem Boom“ gemacht haben.


zu 2) Methodische bzw. wissensgeschichtliche Fragestellungen


Seit einiger Zeit wird in der Geschichtswissenschaft über die Frage diskutiert, wie die Zeitgeschichte mit den Daten und Deutungsangeboten der Sozialwissenschaften umgehen soll. Jenny Pleinen und Lutz Raphael plädieren in einem Aufsatz für die Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte dafür, die Historisierung sozialwissenschaftlicher Analysen mit einer methodisch reflektierten Nutzung der ihnen zugrunde liegenden Daten zu kombinieren. Sie zeigen dabei u.a. an Beispielen aus dem Archiv des SOFI, wie eine solche erneute Öffnung der Geschichtswissenschaft hin zur Soziologie konkret funktionieren und welche Rolle eine eigene Begriffs- und Theoriebildung des Fachs dabei spielen kann.


In einem weiteren Projekt schreibt Kerstin Brückweh eine partielle Geschichte der Arbeits- und Industriesoziologie aus der Perspektive des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen. Denn um als Historiker die umfang- und inhaltsreichen qualitativen Interviews und anderen Primärdaten nutzen zu können, muss zunächst das SOFI und seine Arbeitsweise verstanden werden. Aus wissensgeschichtlicher Perspektive geht es deshalb um die Produktionslogiken der Betriebsfallstudien, die eine zentrale Forschungsstrategie des SOFIs darstellen.


zu 3) Einsatz der digitalisierten SOFI-Quellen in der Lehre/ e-Learning


In diesem Teilprojekt erprobt Kerstin Brückweh den Einsatz qualitativer sozialwissenschaftlicher Studien in der Lehre. Zugleich wird durch einen experimentellen Zugang an aktuelle Diskussionen um die Digital Humanities angeschlossen. Auf der Grundlage der Anfang der 1980er-Jahre durchgeführten SOFI-Umfrage „Jugend und Krise“ sollen Studierende mithilfe der im Projektverbund entwickelten IT-basierten Zugänge die Ergebnisse und Methoden der Studie diskutieren und dann selbst eigene qualitative Interviews führen.